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weiß – *.txt

Ich weiß es nicht.

Kürzlich fragte eine Leserin meines Blogs, ob ich mich denn hier im Norden – Buxtehude – wohl fühle. Als Bayerin sei es doch ungewöhnlich, hier zu leben.

Diese Frage hat mich wirklich zum Grübeln gebracht.

Wollte ich auch hier leben, wenn es meinen Mann nicht gäbe?
Wollte ich gerne zurück?
Wo würde ich überhaupt gerne leben?
Bin ich grundsätzlich fähig, Wurzeln zu schlagen?
Was oder wo ist meine Heimat?

Zur Welt gekommen und aufgewachsen bin ich im verlassensten Winkel der Oberpfalz. Mein Vater stammte von dort, meine Mutter war „Auslandsdeutsche“, wurde Ende des 2. Weltkriegs nach Russland deportiert und landete nach dem Krieg in Niederbayern. Dort lernte sie meinen Vater kennen und ging mit ihm in die Oberpfalz. Wir lebten in ärmlichen Verhältnissen, wie alle anderen Dorfbewohner auch, hatten aber immerhin ein eigenes Bett, was unter meinen Schulkameraden gar nicht selbstverständlich war. Eigentlich hatte ich eine schöne Kindheit, auch wenn es für uns Halb-Flüchtlingskinder zeitweise schwerer war als für die Einheimischen (Eure Mutter kommt aus dem Zigeunerland und ihr seid alle Zigeuner). Der Pfarrer und der Dorflehrer schätzten meine Mutter dagegen sehr, erkannten ihre Klugheit und unterstützten sie in dem Bestreben, uns Kinder aufs Gymnasium zu schicken.

Wie die Freunde meiner Geschwister darauf reagierten, kann ich gar nicht sagen, ich habe nur meine Betroffenheit und meine Trauer im Gedächtnis behalten, weil mir meine Dorffreundinnen die Freundschaft kündigten. Mit einer „Studierten“ wollten sie nichts zu tun haben. Nebenbei: ich war das erste Mädchen überhaupt, das eine höhere Schule besuchte.

Nach dem Gymnasium stellte sich die Frage wie es beruflich weitergehen sollte. Es ergab sich irgendwie, es war nicht mal ein Wunsch, sondern einfach nur Zufall, dass ich in Nürnberg an der Fachhochschule landete – in einem typischen Männerstudiengang. Die Studentenzeit war meine schönste Zeit überhaupt, und ich hatte keine Spur von Heimweh. Ich war heilfroh, nicht mehr in diesem kleinen Dorf sein zu müssen. Ich feierte so manche Nacht durch, ich schummelte mich durch die Klausuren, ich schloss Deals mit meinen Kommilitonen und schaffte ohne große Mühe mein Diplom.

Das Berufsleben holte mich aber wieder auf den Boden zurück. Nichts mehr mit Feiern, keine Deals: konstruierst und baust du meine Vorrichtungen, schreibe ich den Bericht. Verantwortung sollte ich übernehmen, Anweisungen geben, Forderungen stellen und begründen, Innovationen entwickeln. Trotzdem, ich packte das, und ich erntete Anerkennung und Bewunderung. Schmeichelte mir durchaus….

Privat eroberte ich den Mann, über den sich so Mancher Gedanken machte, weshalb er mit Mitte dreißig noch immer Junggeselle ist. „Mängel“ konnte ich keine feststellen, und schließlich heirateten wir, ließen uns im Nürnberger Speckgürtel nieder, bauten unser Haus, bekamen Kinder.

Zu der Zeit war es noch üblich, dass die Frau zu Hause blieb, wenn Kinder da waren, und so hielten wir es auch. Mit dreißig, wenn die Kinder in den Kindergarten gingen, wollte ich wieder einsteigen. Letzten Endes blieb ich Hausfrau bis die Kinder in der Pubertät waren und ich mit meinem beschaulichen Leben als grüne Witwe abschließen wollte.

Schnell fand ich heraus, dass ich in meinem Beruf nicht mehr Fuß fassen konnte. Wie lange ist die Halbwertszeit eines Ingenieurs? Nach einigen Jahren ist das meiste überholt. Für mich war das keine Katastrophe, ich orientierte mich gerne um und fand ziemlich schnell eine ganz andere Art der Berufstätigkeit in der Marktforschung.

Trotz Beruf, großer, fast selbständiger Kinder, wirtschaftlicher Stabilität und geordneten Verhältnissen hatte ich dieses Mittelstandsdasein satt, Trennung/Scheidung war die Konsequenz.

Ein bisschen schlitterte ich zurück in Studentengewohnheiten: weggehen, feiern, urlauben, das Leben genießen…. Männer. Alles Episoden, die ich mir hätte sparen können, im Nachhinein gesehen. Mehr schlechte als gute Erlebnisse.

In Franken habe ich gerne gelebt,

aber ...
Mit fast 50 Jahren lernte ich ein Nordlicht kennen. Der totale Gegensatz zu den anderen Typen, die bisher mein Leben gekreuzt hatten. Bieder, stur, stumm (fast), bescheiden, sparsam, Couchpotatoe, ruhig, BILD-Leser, Wohnmobilfan, Hundefreund, in Norddeutschland zu Hause.

Es stellte sich nie die Frage, ob er nach Bayern zieht, und so löste ich meinen Haushalt auf, verschenkte meine Möbel und ging zu ihm.

Ja, ich lebe gerne hier. Ohne ihn wäre ich bestimmt nicht hier gelandet, und einen anderen Mann mag ich mir gar nicht vorstellen – obwohl sich im Lauf der Jahre so einiges relativiert hat. Hätte ich allerdings einen Mann aus Hessen oder dem Rheinland kennengelernt, würde es mir wohl dort genauso gut gefallen. Na gut, rheinische Frohnaturen sind nicht unbedingt mein Fall (ich weiß, ein Vorurteil, das ich inzwischen sehr gerne korrigiert habe).

So angenehm ruhig die meisten Nordlichter hier sind, so zurückhaltend sind sie auch was Fremdes betrifft. Dass sie nicht gut auf die Flüchtlinge zu sprechen sind, die es hierher verschlagen hat, ist genauso selbstverständlich wie die Tatsache, dass ICH am Telefon sofort abserviert werde, wenn ich mich nach einer Wohnung oder so erkundige, während mein Mann natürlich anständig behandelt wird.

Wenn ich darüber nachdenke, ob und wo ich gerne leben würde, verbinde ich damit aber keine Landschaft und keinen „Menschenschlag“, sondern bestimmte Menschen, mit denen ich gerne leben würde.

Ob ich Wurzeln schlagen kann? Eine Bekannte sagte mal, dass sie durchaus Wurzeln schlagen könne, nur halt keine Pfahlwurzeln. Sie sei Flachwurzler. So sehe ich mich auch.

Ob ich gerne hier im Norden lebe?

Ich weiß es wirklich nicht.

 

Dies ist mein Beitrag zum 6. Wort des Projekts *.txt, das Dominik Leitner ins Leben gerufen hat. Vielen Dank für deine Initiative, Dominik!

5.6.16 19:47

Letzte Einträge: Geschafft, Zum Jahreswechsel, Kalt und rau, Kalt und glatt, So war 2016

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


menzeline / Website (6.6.16 10:21)
Liebe Hermine,
hier zu hast du mir ja auch eine Mail geschrieben, die ich dir noch beantworten werde.
Also ich würde gerne in Norddeutschland leben wollen, das weiß ich. Aber es sollte auch in der Nähe der Nordseeküste liegen, weil mich das Wasser so anzieht.
Ich mag die ruhige Art der Norddeutschen, auch wenn sie mit ihrem Wortschatz geizen, aber das, was sie dann sagen, hat Hand und Fuß und ist ehrlich.
Ich denke mal, man kann sich auf der ganzen Welt heimisch fühlen, wenn man glücklich und zufrieden ist.
Liebe Grüße
menzeline


Hermi (6.6.16 23:24)
Liebe menzeline,
es ist wirklich nicht so, dass alle Norddeutschen ruhig sind und wenig sprechen, genauso wie nicht alle Rheinländer Frohnaturen sind oder alle Hessen Äppelwoi trinken oder alle Bayern jodeln.
Deinem letzten Satz stimme ich aber voll und ganz zu :-)
Liebe Grüße,
Hermi

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